Erste Welle, letzte Runde: Eine Community-Geschichte mit Soundtrack

von | Community Aufbau, Community Management

Zuletzt geändert am 28. September 2026

Über Freundschaft, Musik und das Geheimnis echter Communities bei den Toten Hosen

“lass uns gehen” schreit Campino und es klingt fast flehentlich und ich möchte ihm entgegen schreien „Nein“.

Mailand, 28. Mai 2026 Club Alcatraz.

Es ist das zweite Warm-up-Konzert zur großen Stadiontour „Trink aus! Wir müssen gehen“. 

Ich tippe die obigen Zeilen noch während des Konzerts in die Notizen-App meines Handys. Ich weiß, irgendwann später wird daraus mal ein Artikel. 

“Bis zum bitteren Ende war immer unser Schwur

Die letzte Bühne, die allerletzte Tour”

Trink aus – Die Toten Hosen

In dem Lied „Trink aus“ besingen die Toten Hosen das Ende ihrer Karriere. Man munkelt, es sei die letzte große Stadiontour. 

Ich bin Fan seit ich 13 bin. Hab früher bei jeder Tour nur ein, maximal zwei Konzerte besucht. Die, die gerade in der Nähe waren. Seit 2017 hat sich das geändert. Seitdem reise ich der Band bei vielen Konzerten hinterher.

Stimmt nicht ganz. 2005 hab ich sie in Argentinien gesehen. Aber das ist eine andere Story. 

Du fragst Dich gerade, ob Du hier richtig bist? Schließlich ist dies eine Business-Website. Und keine über Musik. Sondern über den Aufbau von Communities. Ja, bist Du. Nur, heute wird es etwas persönlicher. Doch ja, die Community-Komponente kommt auch noch. Wenn Dich vor allem das interessiert, dann spring direkt zum nächsten Abschnitt.  

Wenn Dich beides interessiert, Hosen und Communities, lies einfach weiter. Es geht immer im Mix. 

Was Musik und Communities miteinander zu tun haben, wo auf der Welt ich die Toten Hosen schon gesehen habe und was es mit den Toten Hosen und Argentinien auf sich hat, kannst Du in meinem ersten Beitrag aus 2022 nachlesen: Mit den Toten Hosen um die Welt

Zurück zu den Warm-ups. Das erste der beiden Konzerte fand in Prag statt. Zwei Tage vorher. In einem überhitzten (Das Wasser tropfte am Ende aus den Deckenscheinwerfern), stockdunklen Club. Mit schlechtem Sound. 

Der Stimmung tut all das keinen Abbruch. Ganz im Gegenteil. Und erst recht nicht, als die Band endlich auf der Bühne ist. 

Es geht los. Schneller Sound. Die ersten Töne erklingen. 

Und dann. Kurze Irritation. Andi hört auf zu spielen. Bespricht sich mit Campino. Nach ein paar Sekunden wird das Konzert schon wieder unterbrochen. Und muss fast abgebrochen werden. 

Die Gitter vor der Bühne zu den Fans halten nicht. Wenn diese umfallen, kann es brenzlig werden. Und die Konzerte der Hosen sind wild. Mosh Pits. Pogen. Besonders die kleineren Clubkonzerte. 

Campino macht eine Ansage. Nicht die letzte an diesem Abend. Die Securities haben den ganzen Abend mit den Gittern zu kämpfen. Einige Fans unterstützen. Alles, damit der Konzertabend stattfinden kann. 

Die Band stellt die Setlist um. Immer wieder kommen auch ruhigere Stücke zwischendurch. Campino läuft mehr hin und her, um das Gewicht der Masse besser zu verteilen. 

Es ist ein kurioser Abend. Das erste Warm-up, der angeblich letzten Stadiontour. Die Band hat seit nem Jahr nicht mehr öffentlich gespielt. 

Hier und heute an diesem Abend werden zum ersten Mal die Lieder des neuen Albums gespielt. Die bisher noch niemand kennt. Alle sind in Ekstase. Und dann steht das Konzert seit der ersten Sekunde immer wieder kurz vor Abbruch. 

Communities und Musik 

Wenn ich in einem meiner Workshops den Unterschied zwischen einem Publikum und einer Community erkläre, dann nutze ich dazu immer ein Konzertbeispiel. 

Stell Dir ein Konzert vor. Die Band spielt, das Publikum feiert. Alle interagieren miteinander. Alle haben einen großartigen Abend. Irgendwann ist das Konzert vorbei. Das Publikum geht nach Hause. Morgen vielleicht zu einem anderen Konzert. Hier sendet vor allem die Band, die Inhalte (die Musik), zum Publikum hin.

Und dann gibt es da vorne diese Gruppe. Die, die noch da stehen, wenn die Band längst die Bühne verlassen hat. Die, die sich kennen. Die, die Aktionen gemeinsam planen und der Band hinterherreisen. Die sich auch treffen, wenn gerade kein Konzert ist. Das ist die Community. Eine viel kleinere Gruppe. Doch sie ist viel engagierter und besteht auch, wenn die Band den Raum schon wieder verlassen hat. 

In meinem Buch unterteile ich Communities zudem in verschiedene Kategorien. Eine Unterscheidung hierbei ist, ob die Community selbst entstanden ist, auf natürliche Art und Weise oder ob sie von einer Organisation oder einer Person gegründet wird. 

Auch unterscheide ich zwischen einer sehr losen Definition einer Community: „Eine Gruppe an Menschen mit den gleichen Interessen“ und einer sehr engen Definition, mit regelmäßigem Austausch, starkem Interesse und einer gemeinsamen Vision.

Übertragen auf die Toten Hosen gibt es verschiedene Arten von Communities. 

Es gibt die große Toten Hosen Community, die einfach entstanden ist und bei denen sich die Leute aufgrund des reinen Interesses zugehörig fühlen. Dieses Community-Gefühl. 

Sehr ausgeprägt kann man dies bei Taylor Swift und den Swifties erleben: Fandom statt Follower: Taylor Swifts Masterclass zum Aufbau einer Community

Die Initiative geht nicht von der Band aus, sondern die Fans fühlen sich als Teil der Gemeinschaft. Die Band schafft den Raum, den Anlass. Sie sind aber nicht selbst drin. Und ja, es gibt auch Bands, die eine eigene Community mit ihren Fans aufbauen. Die Donots zum Beispiel. 

Und dann gibt es da noch die Sub-Communities, die sich aus der großen Masse herausbilden. 

Ich hab zu Beginn gesagt, dass ich seit 2017 mitreise. Was hat sich damals verändert? 

Ganz einfach. 

Ich hab andere Fans kennengelernt. Eine Facebook-Gruppe machte den Anfang. Dann kam eine Gartenparty in Buenos Aires bei mir unbekannten Menschen. Und dann tut WhatsApp sein Übriges. Bis heute.

Menschen, die genauso ticken wie ich. Die die Musik lieben und der Band hinterherreisen. 

Wir verbringen vorab den ganzen Tag zusammen. Manchmal schon den Vorabend. Erkunden neue Städte. 

Haben eigene Rituale. Eigene Trikots. Feiern Parties. Ohne die Band. 

Es geht nicht nur um die Konzerte. Sondern vor allem auch um die Gemeinschaft. 

Schon wieder das gleiche Konzert?

Ich verstehe die Leute, die mich immer wieder fragen „Gehst Du schon wieder da hin? Das ist doch immer wieder das gleiche Konzert.“

Nein, ist es nicht. Und es geht auch nicht nur um das Konzert.

Das Konzert ist der Rahmen. Das i-Tüpfelchen. Die Streusel auf dem Eis. Aber nicht das Konzert alleine bringt mich dazu, immer und immer wieder dahin zu gehen. 

Ich bin dort wegen der Erlebnisse. Den neuen Städten, die ich so kennen lerne. Aber vor allem wegen der Leute, die ich so in der Konstellation eben nur treffe, wenn gerade irgendwo ein Konzert ist. 

Man kennt sich seit Jahren. Trifft sich in Deutschland, Europa oder weltweit. Verabschiedet sich beim Konzert mit den Worten. Bis dann. Wir sehen uns in Kopenhagen, Stockholm, Brüssel, Amsterdam oder eben Buenos Aires. 

Alter und Beruf sind egal. Alle eint eins. 

Musik braucht keine Übersetzung. Sound ist eine Sprache, die jeder kennt, und in diesem Moment sprechen wir alle dieselbe.

Dieses Gefühl, das ist es, was es für mich ausmacht. In Kombination mit Konzerten von einer Band, die ich feiere, seit ich 13 bin. Und nicht nur wegen ihrer Musik. Sondern vor allem auch wegen ihrer gesellschaftspolitischen Haltung. 

Dieses Gefühl, dieses ich bin dort wegen der Menschen, das müsst ihr in Euren Communities erreichen. 

Menschen kommen in eine Community wegen der Inhalte (hier, das Konzert) und sie bleiben wegen der Menschen. Das ist in allen Communities so. Abgesehen von Support-Communities. 

Klar würde ich ohne den ganzen Rahmen auch weiterhin zu Hosen-Konzerten gehen. Habe ich ja auch früher schon gemacht. 

Doch es ist ein ganz anderes Erlebnis, ob ich weiter hinten einmal an einem Konzert teilnehme oder ob ich immer wieder mit meinen Freunden und den gleichen Leuten vorne in der ersten Welle feiere. Wenn ich vorne rumlaufe, dann kenn ich an jeder Ecke jemand. Es hat etwas von Heimat und Zugehörigkeitsgefühl.

Und nein, ich hab keinen speziellen Zugang. Es gibt einen Weg in die erste Welle: Früh da sein. 

Zusammenhalt

Und dann gibt es da noch die großartigen Community-Geschichten. Schauplatz: Das Konzert in Düsseldorf. Kurz vor Konzertbeginn.  

Ein Mädel hatte sich das Geld zusammengespart, um ein Ticket für ihre Mutter zu kaufen. Und fiel leider auf einen Betrüger herein. 

Einer aus unserer Gruppe bekam das mit. Eine Nachricht in die WhatsApp-Gruppe. Und innerhalb kürzester Zeit war ein Ticket organisiert. Und viele Menschen spendeten nen kleinen Betrag, um zusammen das Ticket zu finanzieren. 

Auch das ist Community. 

Zusammenhalt. Vertrauen. Sich gegenseitig unterstützen. 

Und das ist auch das, worauf Deine Community fußen muss. Ganz egal, ob B2C, B2B, NGO oder intern. 

Meine Tour Bilanz 

Nein, ich war nicht bei allen Konzerten der Tour. Aber ja, bei vielen. Meine persönliche Bilanz:

🎸 Ich hatte dreimal ein Heimspiel. Oder besser sechs Mal 😅

Die Konzerte in Düsseldorf, die Stadt in der ich geboren bin und die Heimat der Hosen. 

Die Konzerte im Saarland. Dort, wo ich aufgewachsen bin. 18 km entfernt vom Bostalsee. 

Die Konzerte in Kölle, wo ich seit 20 Jahren lebe. Wenn ich nicht gerade reise. 

🎸 Der entspannteste Einlass und die beste Orga. Ganz ohne Bias: Köln. Alle sagen das.

Am schlimmsten: Stuttgart. So etwas hab ich selten erlebt. 

Stuttgart. 30 Grad. Die Menschen warten teils seit 8 Uhr an der Location. Nirgendwo gibt es Schatten. Um 15 Uhr geht es dann endlich los. Einlass.

Ab durchs Drängelgitter. Karte scannen. Taschen und Security-Check und statt, dass direkt dort die Bändchen für die erste Welle vergeben werden (oder gerne auch einfach vorab), gibt es die super begehrten Bändchen erst am Eingang zur ersten Welle. Das bedeutet sprinten über zwei Fußballfelder hinweg. In der Hitze. Bei Schlaglöchern und Stolperfallen aufgrund der Kabel. Ich hab noch nie so viele Leute neben mir stürzen und sich die Knie aufschlagen sehen. Ich hab nie hinterher von so vielen gehört, die ins Sani-Zelt mussten. 

Und dann endlich in der ersten Welle. Alle haben seit Stunden gewartet und wollen nun Wasser, Getränke und etwas zu essen. Nicht so in Stuttgart, denn ein Rauskommen aus der 1.Welle ist zunächst für eine dreiviertel Stunde nicht möglich. Und darin gab es in Stuttgart weder ne Wasserstelle, noch einen Essensstand. Ich frage mich dann immer, wer organisiert so was? Aber dazu später mehr. 

🎸 Persönlich beste Setlist: München Tag 1 und Bostalsee Tag 1

🎸 Highlights: Marian Gold von Alphaville und “Forever Young” in Münster, “Auflösen” mit Birgit Minichmayr in Wien. “Kristallnaach” mit Wolfgang Niedecken in Köln. Was ein Gänsehautmoment. 

Ich bin froh, dass ich bei mehr als einem Konzert der Tour war. 

Kennst Du das, wenn Du einen Film zum zweiten oder dritten Mal schaust? Dann fallen Dir plötzlich ganz andere Dinge auf. Du achtest mehr auf Details. So ist es bei einem Konzert auch. Die 2,5 Stunden gehen meist wie im Rausch vorbei (nein, nicht wegen Alkohol, sondern aufgrund des Erlebnisses) und ich bin froh, dass ich diese Begeisterung mehr als einmal erleben und jedes Mal etwas Neues entdecken kann. 

Lieder wie “Tage wie diese“ und ”Wannsee” spielt die Band auf den großen Touren für die Masse des Publikums. Die Leute, die oft nicht mehr als 1-2 Lieder kennen.  

Diese Lieder singen sie nicht für die Fans, die immer wieder da sind. 

Wir bekommen bei jedem Konzert Schmankerl auf dem Silbertablett serviert. 

Raritäten, Lieder, die lange nicht live gespielt wurden. Lieder, mit denen viele von uns besondere Momente verbinden. 

Bei den meisten Liedern, weiß ich nicht, wann ich sie zum allerersten Mal gehört habe. Aber „Achterbahn“ und „Verschwende Deine Zeit“ werde ich immer mit unserer selbstorganisierten Bootstour in Hong Kong (Danke, Daniel)

in Verbindung bringen. Denn das sind die beiden Lieder, die beim Einlaufen zurück am Steg gespielt wurden. 

Wem eine Community auch gut tun würde?

Den Veranstaltern. Es ist nichts einheitlich. Jede:r startet nochmal von vorne.

Klar, die Eventveranstalter haben Erfahrungen damit, Konzerte und Events vor Ort zu organisieren. Kennen die Locations und Strukturen. 

Doch man merkt immer, dass sie nicht auf die einzelnen Bands eingestellt sind und sich nicht mit den anderen Veranstaltern austauschen. Wie wäre es mal mit einer eigenen B2B-Community? 

So dass ihr voneinander lernen könnt. 

1 eins

Zum Beispiel, die schlechteste Orga zum Einlass in Stuttgart von der besten Orga zum Einlass in Köln.

2 zwei

Und die Locations, bei denen es nur Dixies gibt, könnten von der Orga in Freiburg lernen. Es würde den Planungsteams zudem gut zu Gesicht stehen, wenn auch Frauen bei der Planung involviert wären. Dass dies nicht der Fall ist, ist überall sichtbar. 

Und nein, es reicht nicht, einige Toiletten auf dem gesamten Gelände anzubieten. Ihr müsst die unterschiedlichen Bereiche: 1. Welle, 2. Welle, Rest – getrennt voneinander planen. Und ja, abends im Dunkeln ist auch Licht für ein Dixie toll.

Das ist ähnlich wie für die Mitglieder Deiner Community. Ein Mitglied, das ganz neu dabei ist, hat andere Bedürfnisse und Fragen als die engagiertesten Mitglieder, die seit Jahren dabei sind. Jede Gruppe braucht ihre eigene Strategie. 

3 drei

Die Informationen auf den Webseiten der einzelnen Veranstalter sind alle unterschiedlich. Mal detaillierte Zeiten plus An- und Abreise. Mal nur die dürftigsten Informationen. Okay, hier würde es auch helfen, wenn die Hosen eine Checkliste oder Empfehlung vorab anliefern würden. 

Daher mein Wunsch: Gründet doch eine Community. Tauscht Euch aus. Lernt voneinander. 

Bezieht auch gerne die Fans mit ein. Diejenigen, die durch die Prozesse müssen, die Vergleiche und Best Practice haben. Es ist doch für alle Seiten – Band – Veranstalter – Fans, viel entspannter, wenn das besser abläuft und Hand in Hand greift. 

Bis zum bitteren Ende 

“Das Ende setzen wir uns selbst

Und niemand anders auf der Welt

Begreift besser jetzt als nie

Es kommt erst wenn es uns gefällt“ 

Das Wort zum Sonntag – Die Toten Hosen

Meine Notizen reichen noch für mindestens drei weitere Artikel. Doch für heute reicht es. 

Und bevor die Frage aufkommt: Nein, ich kenne die Band nicht. Die Band kennt mich nicht. Ich hab keine Kontakte.

Ich bin einfach ein Fan, die eben mehr als einmal auf ein Konzert geht. Die hinterher reist. Dort viele Freunde fürs Leben gefunden hat. So ihre Leidenschaft für Reisen und Musik miteinander verbindet und einen Heidenspaß dabei hat. 

Ich schreibe diese Zeilen im Flieger. Auf dem Weg nach Argentinien. Es ist September 2026. Und die Toten Hosen spielen in Buenos Aires bald ihr letztes Konzert auf argentinischem Boden.

Was die Kommunikation dazu angeht, sind sie sehr strikt. Ich glaube, dass es die letzte Argentinien-Tour sein wird. Und doch hoffe ich, dass es sie irgendwann nochmal in den Fingern juckt. 

Für Deutschland bleiben noch die Open Air Konzerte 2027 mit dem Abschluss im Juli in Düsseldorf. Und ich glaube, dass es auch danach irgendwie weitergeht. Nicht mehr mit großen Stadiontouren. Aber vielleicht mit einer Unplugged-Tour oder wieder kleineren Gigs quer durch Europa. Warten wir’s ab. Ich würde mich freuen.

Nun aber erstmal Argentinien.

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